Unser fantastisches Kanadamärchen — Teil 2 Kanadakolumne #018
Die Natur, die sich vor unseren erstaunten Augen auftut, entspricht haargenau meiner Wunschvorstellung von Kanada. Schmale Nadelbäume, spiegelglatte Seen, überwältigende Berge und Schluchten, durch die sich der Columbia River schlengelt, und saftig grüne Wiesen rauben uns den Atem. Beinahe kann ich die Ureinwohner hören wie sie auf ihren Pferden durch die Wildnis reiten und im harmonischen Einklang mit der Natur leben. Auch wir sind sehr deutlich zu hören mit unseren zwei Bärenglocken und dem lauten Gesang. Da macht es uns fast nichts aus, dass die Kanadier ein wenig über uns schmunzeln und uns mit blöden Witzen, wie diesem hier bespaßen: „Was ist der Unterschied zwischen einem Schwarzbär und einem Grizzly?
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Auflösung: Im Kot des Grizzlys liegen Bärenglöckchen.“ Das wir nur gespielt grinsend weiterlaufen, muss ich sicherlich nicht erwähnen … Als wir nach dreistündiger Wanderung den malerischen See erreichen, haben wir keinen einzigen Bären gesichtet und schließen stattdessen Bekanntschaft mit einem Ehepaar aus Calgary. Die Beiden verabreden sich mit uns auf dem Parkplatz und garantieren uns die Rückfahrt in die Stadt. Sie halten ihr Wort und berichten noch, dass sie in 30 wandernden Ehejahren noch niemals einen Bären zu Gesicht bekommen haben.
Zwei Tage später treffen wir uns mit unserem chaotischen Künstler und Fahrer Peter und beobachten wie er leidenschaftlich langsam sein Auto frei räumt. Schließlich klemme ich auf der Rücksitzbank fest und habe die Gelegenheit mit einer unechten Gummihand und elektronischen Kleingeräten zu spielen. Zum Glück, denn auch diese Autofahrt dauert stundenlang und endet erst am Abend auf einem winzigen Campingplatz – direkt am See in Okanagan Falls. Leider ist auch dieser Zeltplatz hoffnungslos überfüllt. Wir aber haben Glück. Die Besitzer arrangieren uns einen „halben Platz“ neben einem Zelt, in dem nur tagsüber ein paar Teenies zu Besuch sind. Noch ein wenig schockiert über einen Preis von 78$ für zwei Nächte, springen wir ins Wasser und machen innerhalb von Sekunden schon wieder eine neue Bekanntschaft: Kelley – eine lebensfrohe, attraktive, blonde Mittvierzigerin – veranlasst unseren sofortigen Umzug auf ihren Platz, neben dem Wohnwagen. Bis auf den Gästebetrag bekommen wir unsere Gebühr problemlos wieder. Die Campingplatzbetreiber sind sogar noch froh darüber, dass wir einen Haufen Geld sparen. Die kanadische Herzlichkeit geht weiter, als ein heftiges Gewitter hereinbricht und in Kelley’s Wohnwagen eine Megaparty startet. Die aufgedrehte, ursympathische Camperin sorgt dafür, dass wir zum Partyhighlight werden und knutscht uns zu späterer Stunde wechselweise fröhlich die weingeröteten Wangen ab. Der Abschied fällt uns zwei Tage später richtig schwer. Allerdings geht die Reise warmherzig weiter. Mit drei verschiedenen Autos trampen wir in Richtung Princeton. Der letzte Fahrer ist ein fürsorglicher, großer, dicklicher, grauhaariger Seebär. Er nimmt uns ungefähr eine Stunde lang mit und zeigt uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten auf dem Weg. In Princeton angekommen, sorgt er dafür, dass wir auf einem Privatgelände, direkt an einem Fluss, zelten können und uns von einem der benachbarten Häuser Trinkwasser holen dürfen. Zutiefst gerührt und ergriffen vom dem reibungslosem (zufälligem?) Lauf der Dinge, genießen wir noch ein kanadisches Bier am rauschenden Fluss. Wir haben gerade drei Schlucke genommen, als wir Bekanntschaft mit der Anwohnerin Barbara schließen. Sie offeriert uns ein Frühstück für den nächsten Morgen. Tatsächlich laben wir uns am Folgetag an frischem Kaffee, selbst gebackenen Blaubeer-Muffins und Obst, das Barbara – liebevoll auf einem Tablett angerichtet – zu uns an den Fluss gebracht hat. Auf unserem heutigen Rückweg zum Fährhafen in Vancouver bleibt uns das Schicksal treu. Nach einstündigem Tanz mit einem Pappschild (mit der Aufschrift „Vancouver“) am Straßenrand, lesen uns die beiden Frauen auf, von denen wir am Vorabend unser Trinkwasser bekommen haben. Insgesamt benötigen wir vier Autos und sechs Stunden um unser Ziel zu erreichen. Als uns der vorletzte Fahrer noch 20$ für die Fährfahrt schenken will (wir lehnen natürlich dankend ab) und uns extra noch 30 Kilometer weiterfährt, können wir nicht mehr anders, als uns im Fährhafen überglücklich in die Arme zu fallen. Die fantastischen Erlebnisse der vergangenen Woche ziehen wie ein Film an uns vorbei. Es hat schon wieder funktioniert – das vertrauensvolle „sich treiben lassen“ …



