
Große Augen bekommt, wer die vielen Bücher sieht, die zum Preis der Leipziger Buchmesse eingereicht wurden. Vor der Glashalle stapeln sich die Neuerscheinungen großer und kleiner Verlage.
Wolfgang Herrndorf, Jörg Baberowski und Christina Viragh sind die Preisträger
Hunderte Zuschauer und Medienvertreter warteten am Nachmittag des ersten Buchmessetages (15. März 2012) gespannt auf die Entscheidung der Jury unter Vorsitz von Verena Auffermann zum achten Preis der Leipziger Buchmesse. In der Glashalle des Leipziger Messegeländes erlebten sie eine emotionale Preisverleihung und zollten den Gewinnern großen Beifall. Der Preis der Leipziger Buchmesse 2012 wurde Wolfgang Herrndorf (Belletristik), Jörg Baberowski (Sachbuch/Essayistik) und Christina Viragh (Übersetzung) zuerkannt. Den Preis in der Kategorie Belletristik für Wolfgang Herrndorf nahm Robert Koall entgegen, ein enger Freund und Dramaturg seiner Stücke sowie Chefdramaturg am Staatstheater Dresden. Jörg Baberowski und Christina Viragh waren persönlich beim Festakt in Leipzig zugegen und stellten sich dem Blitzlichtgewitter. Nominiert waren jeweils fünf Autoren oder Übersetzer.
Kategorie Belletristik
Wolfgang Herrndorf
Sand
Rowohlt Berlin Verlag
Zur Begründung
Es gibt bestimmt Romane, deren Handlung sich leichter zusammenfassen lässt als die von Wolfgang Herrndorfs SAND. Sicher ist folgendes: Die Geschichte spielt Anfang der 70er Jahre, sie spielt in Afrika, in brüllender Hitze, und in ihrem Zentrum steht ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat. Nicht einmal seinen Namen weiß er noch — als ihn jemand Carl nennt, ist er einverstanden. Carl, den wir blutüberströmt und mit einer Kopfverletzung kennenlernen, wird von mysteriösen Gestalten verfolgt, die er nicht kennt. Er wird gefoltert und weiß nicht, warum. Man will irgendetwas von ihm, aber er weiß nicht, was. Um sein Leben zu retten, verspricht er, es zu besorgen, was auch immer es ist — und von da ab kommt es eigentlich immer nur noch schlimmer. Er gerät von einer ausweglosen Situation in die nächste, was immer er auch beginnt, endet in einer Sackgasse. Eine geheimnisvolle blonde Frau namens Helen spielt womöglich ein falsches Spiel mit ihm. Dubiose Polizisten tauchen auf und verschwinden wieder. Das Buch liest sich spannend wie ein Agenten-Thriller. Nie lässt sich vorhersagen, wie die Handlung hinter der nächsten Kurve weitergehen wird, wer oder was dem Helden als nächstes übel mitspielen wird. Im Grunde handelt SAND von der Sinnlosigkeit jeglichen Tuns und von Vergeblichkeit. Es kommt ja eh immer anders, als man denkt.
Was diesen Roman so einzigartig macht, ist, mit welcher Leichtigkeit, welcher Eleganz im Ton und welchem Sinn für Komik auch Wolfgang Herrndorf diese absolute Alptraumszenerie erzählt. Man folgt diesem Erzähler gerne und in blindem Vertrauen in die abstrusesten Situationen. Lässt sich von ihm auf verwirrende, immer aber schillernde Abwege führen. Tappt mit seinem Helden zusammen im Dunkel von dessen Identität und brennt darauf, alle Puzzleteile endlich zusammenzufügen, von denen lange nicht klar ist, ob und wie sie sich zusammenfügen lassen. Was das Vergnügen umso größer macht, wenn sie es letztlich tun. Und ist bei all diesem Irrsinn und den Turbulenzen beim Lesen allerbestens unterhalten.
Im vergangenen Jahr war hier schon ein Roman von Wolfgang Herrndorf nominiert: TSCHICK. Nun zu behaupten, dieses neue Buch sei erwachsener, wäre zu einfach — und es wäre auch falsch. Es ist ein vollkommen anderes, andersartiges Werk — und das zeigt eben auch, was für ein großer Erzähler dieser Autor ist.
Wir freuen uns sehr, dass Wolfgang Herrndorf für SAND dieses Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik gewinnt.
Der Autor
Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, hat Malerei studiert und unter anderem für das Satiremagazin Titanic gezeichnet. 2002 erschien sein Debütroman In Plüschgewittern, 2007 der Erzählband Diesseits des Van-Allen-Gürtels und 2010 der Roman Tschick, der zum Überraschungserfolg wurde und mittlerweile in 12 Sprachen vorliegt. Wolfgang Herrndorf wurde mit dem Deutschen Erzählerpreis 2008, dem Brentano-Preis 2011 und dem Hans-Fallada-Preis 2012 ausgezeichnet.
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